Die Papierbewerbung hat noch nicht ganz ausgedient

Die Papierbewerbung hat noch nicht ganz ausgedient

Veröffentlicht: 30.04.2019

Wenn innerhalb der Belegschaft so viele Nationalitäten zusammenkommen und zusammenarbeiten, ist das eine spezielle Herausforderung für Unternehmen. Wie funktioniert die Personalrekrutierung in solch einer Konstellation? Was erfolgt auf digitalem Weg, was analog? Und wo liegen die grössten Hürden für die Personalabteilung? Manuela Loretan, Leiterin HR bei Honegger, nimmt Stellung.

Manuela Loretan, Menschen aus 100 verschiedenen Nationen arbeiten bei Honegger; ein echt multikulturelles Unternehmen. Wieso, denken Sie, bewerben sich bei Ihnen Arbeitskräfte aus derart vielen Herkunftsländern?

Ein Job in der Reinigungsbranche ist für viele Einwander aus den unterschiedlichsten Ländern der ideale Einstieg in die Schweizer Arbeitswelt. Vielfach sind diese ungelernt oder verfügen über eine in der Schweiz nicht anerkannte Ausbildung und es mangelt ihnen an Sprachkenntnissen. Mit einer Anstellung als Reinigungskraft bieten wir den Einwanderern eine reale Chance, andere Fähigkeiten einzusetzen und Fuss zu fassen.

 

Gemäss Ihrer eigenen Aussage ist es eine Tatsache, dass die meisten Bewerber auf dem digitalen Weg zu Honegger finden, auch jene ausländischer Herkunft. Hat die Papierbewerbung grundsätzlich ausgedient?

Nein, noch nicht ganz. Für Stellen in der Produktion, also beispielsweise in der Reinigung, erhalten wir nach wie vor Papierbewerbungen. Der überwiegende Teil der Bewerbungen, vor allem für Administrations- und Kaderjobs, erfolgt jedoch auf digitalem Weg.

 

Wie stark ist der Rekrutierungsprozess bei Honegger denn digitalisiert?

Wir inserieren online auf unserer Website, auf gängigen Jobportalen und auch auf Social Media. Wir haben festgestellt, dass sich Bewerber für Administrations- und Kaderjobs eher über die Jobportale oder via E-Mail auf Website-Inserate bewerben, während Bewerber für Produktions- bzw. Reinigungsjobs tendenziell über Kontakte aus dem Familien- und Bekanntenkreis von freien Stellen erfahren. Sehr oft jedoch auch über Facebook-Inserate, die ihnen ihre Freunde weiterleiten. Sie bewerben sich via E-Mail oder eben mittels Papierbewerbung. Da wir vorwiegend Mitarbeitende für den Produktionsbereich rekrutieren, rechnet sich ein digitales Bewerbungsmanagement, welches es erlauben würde, sich direkt via Onlinetool bei Honegger zu bewerben, für uns aber nicht.

 

Bei Menschen aus so vielen verschiedenen Nationen sind Sie in der Personalabteilung auch mit verschiedensten Kulturen und somit Wertvorstellungen, Lebensarten oder Umgangsformen konfrontiert. Welche Herausforderungen ergeben sich da und mit welchen Massnahmen begegnen Sie diesen?

Das sind tatsächlich die verschiedensten Herausforderungen. Nebst ethischen und moralischen Fragen, der Wichtigkeit von Schweizer Werten wie der Pünktlichkeit, ist die grösste mit Sicherheit die Kommunikation, sprich die Unternehmenskommunikation an die Mitarbeitenden. Wir müssen auf korrekte, vollständige und vor allem auf verständliche Weise kommunizieren, was bei Mitarbeitenden aus so vielen verschiedenen Herkunftsländern wirklich schwierig ist. Offiziell kommunizieren wir in den drei häufigsten Schweizer Landessprachen. Innerhalb der Belegschaft hilft man sich oft untereinander, indem man Kollegen aus derselben Kultur oder Familienmitglieder übersetzen lässt. Wir von der Human Resources-Abteilung versenden beispielsweise eine Lohnbeilage, in der wir, nebst dem offiziellen Text, auch jeweils eine kurze Inhaltszusammenfassung in wenigen, einfach verständlichen Worten, verfassen.

 

Würde es sich hierfür nicht der Einsatz eines entsprechenden Tools lohnen?

Ja, wir erhoffen uns tatsächlich Lösungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Allerdings ist das auch immer eine Kostenfrage. Es bestehen aber Ideen für ein Tool, in dem Mitarbeitende selber Dokumente übersetzen, wieder hinterlegen und sie somit anderen zur Verfügung stellen. Wir prüfen und evaluieren aktuell solche Lösungen. Allerdings besteht bei einem solchen Verfahren auch immer die Gefahr von Ungenauigkeiten und von Missverständnissen.

 

Was, denken Sie, ist das Erfolgsgeheimnis von Honegger, seit Jahrzehnten so viele verschiedene Nationalitäten unter einem Dach zu vereinen?

Der Familiengedanke innerhalb der Belegschaft ist sehr ausgeprägt und die Integration der Mitarbeitenden funktioniert ausgezeichnet. Und das auch bei unseren zahlreichen Teilzeitmitarbeitenden, welche auch noch in anderen Unternehmen angestellt sind. Gemäss Mitarbeiterbefragungen bewerten über 90% der Mitarbeitenden Honegger als guten Arbeitgeber. Ich erinnere mich diesbezüglich an eine Situation, in der wir einen Grossauftrag verloren hatten und leider eine Massenentlassung aussprechen mussten. Wir konnten mit der Firma, die den Auftrag erhalten hatte, vereinbaren, dass sie entsprechende Mitarbeitende übernimmt. Bei der Übermittlung dieser positiven Nachricht flossen jedoch viele Tränen und auf Nachfrage meinten die Mitarbeitenden, sie wollten Honegger auf keinen Fall verlassen. Ich denke, das resultiert unter anderem auch daraus, dass wir die Leute gut instruieren, sie professionell ausrüsten und ihnen diesen Zusammenhaltsgedanken authentisch vermitteln.

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